Joseph Roth: Hiob

Joseph Roth: Hiob. Roman eines einfachen Mannes
Fischer Verlag 2014
Erstausgabe: 1930

Es ist mehr als sechs Jahre her, dass ich Radetzkymarsch gelesen und beschlossen habe, dass das nicht mein letztes Buch von Joseph Roth sein sollte. Ehe ich dieses Vorhaben ganz vergesse, habe ich nun Hiob gelesen und mich leise gefragt, ob es sich beim Autor wirklich um denselben Joseph Roth handelt. Dem ist so (und man merkt das durchaus auch beim Lesen) aber entweder hat sich mein Literaturgeschmack in den letzten Jahren sehr gewandelt, oder Hiob liest sich, obwohl kaum halb so lang, deutlich schwerfälliger. Beide Romane spielen ungefähr zur selben Zeit und handeln jeweils unter anderem von einer inzwischen verschwundenen Gesellschaft, aber vielleicht ist es die Tatsache, dass Hiob bewusst auf viel ältere Motivik zurückgreift, die dieses Buch distanzierter, sagenmäßiger und weniger erzählerisch wirken lassen.

Der Protagonist von Hiob heißt nicht etwa Hiob, sondern Mendel Singer, aber man soll beim Lesen seiner Geschichte offensichtlich an den biblischen Hiob denken – sonst würde das Buch ja nicht so heißen. Der Parallelen gibt es viele, vom groben Verlauf der Handlung bis hin zu bestimmten Szenen oder einzelnen Formulierungen. Sowohl Hiob als auch Mendel sind sehr fromm, beide erleiden Schicksalsschläge, beide haben Freunde, die mit ihm über die Theodizee-Frage diskutieren, und beide erleben ein Happy End. Ich gestehe, dass ich mich nicht dazu aufraffen konnte, das Buch Hiob noch einmal zu lesen, an das ich mich nur schemenhaft erinnere. Das Detail, das mir noch am präsentesten ist, ist, das Hiob zu irgendeinem Zeitpunkt mit „Aussatz“ geschlagen wird, was Mendel allerdings nicht widerfährt. Auch ist Mendel kein reicher Mann mit zehn Kindern und Viehherden, sondern ein in ärmlichen Verhältnissen in einem russischen Dorf lebender Lehrer. Er hat dort Frau, drei Söhne und eine Tochter; der jüngste Sohn Menuchim ist behindert.

Als die Einberufung droht, setzt sich der mittlere Sohn in die USA ab, wohin ihm seine Eltern und die Schwester später folgen. Der älteste Sohn ist bereits Soldat und Menuchim wird in der Obhut von Bekannten zurückgelassen. In Amerika geht es der Restfamilie zunächst ganz gut, bis der Weltkrieg ausbricht. Es folgt der Tiefpunkt in Mendels Leben: Ein Sohn fällt im Krieg, der andere gilt als verschollen, die Frau stirbt, die Tochter kommt in die Psychiatrie und von Menuchim hat man seit Jahren nichts gehört. Das ist hart, und zwar nicht nur für den Familienvater, sondern auch für die Betroffenen selbst und deren sonstige Angehörige. Dieser Aspekt irritiert auch in der biblischen Version der Geschichte: Hiob wird am Ende von Gott belohnt und zeugt zehn neue Kinder, aber deren ältere Geschwister sind und bleiben tot. Und Mendel bekommt nicht einmal eine neue Frau oder Ähnliches – sein Happy End besteht darin, dass Menuchim genesen, gutaussehend und reich bei ihm auftaucht und es eine vage Hoffnung gibt, dass die Tochter von ihrer Psychose geheilt wird. Zwei weitere Kinder und die Ehefrau hat Mendel permanent eingebüßt, aber das scheint sein Glück nicht weiters zu trüben. Weder Mendel selbst noch irgendeine andere Figur des Romans scheint ihn am Ende für weniger als äußerst beneidenswert zu halten, was ich schwer nachzuvollziehen finde.

Ich vermute, man darf Hiob, ebenso wie die Bibel, nicht aus einem allzu realistischen Blickwinkel lesen und es scheint auch nicht das Ziel zu sein, dass man sich in die Hauptfigur hineinversetzt. Stattdessen geht es wohl eher um ein abstraktes, metaphorisches Verständnis der Handlung. Man kann den Roman durchaus auch als eine Allegorie auf das jüdische Volk betrachten, das in die Welt zerstreut wird („der Teufel schickt euch von einem Ort zum anderen“, heißt es vor Mendels Abreise nach Amerika, 76). Objektiv geht es der Familie in New York besser als in der russischen Heimat, aber Mendel lässt sich nur halb darauf ein. Er hält an seinen alten Gewohnheiten fest („Zwischen zwölf und zwei muss man Lunch essen und zwischen sechs und acht ein Dinner. Dieser Zeiten achtet Mendel nicht. Er ißt um drei Uhr nachmittags und um zehn Uhr abends, wie zu Hause“, 102) und bewegt sich nahezu ausschließlich in seinem von anderen aus Osteuropa eingewanderten Juden bevölkerten Viertel.

Die jüdische Gemeinschaft ist die Konstante in Mendels Leben. Nicht nur in dem Shtetl, in dem er zu Beginn wohnt, sondern auch in New York ist Mendel nie wirklich isoliert, sondern immer umgeben von anderen Juden, die er nicht immer leiden mag, die ihn aber im Zweifel unterstützen. Sie nehmen Anteil an seinem Schicksal, halten ihn davon ab, im Wahn sein Haus anzuzünden und beglückwünschen ihn neidlos, als sein Sohn wieder auftaucht. Nach dem Tod seiner Frau nimmt ihn ein Schallplattenhändler namens Skowronnek (ein Name, der auch in Radetzkymarsch auftaucht) bei sich auf. Von da an macht er sich in der Nachbarschaft mit Handlangerarbeiten und Botengängen nützlich. Skowronnek und einige weitere sind es auch, die die Rolle der drei weisen Freunde aus dem Buch Hiob übernehmen, als Mendel aus Wut über sein Schicksal Gott lästert und seine Gebetsutensilien verbrennen will. Sie zitieren sogar die entsprechenden Bibelstellen, können Mendel aber nicht von seiner Wut auf Gott abbringen. Nicht einmal die Drohung mit dem Höllenfeuer wirkt bei ihm: „,Alle Qualen der Hölle habe ich schon gelitten. Gütiger als Gott ist der Teufel. Da er nicht so mächtig ist, kann er nicht so grausam sein. Ich habe keine Angst, meine Freunde.ʻ Da verstummten die Freunde. Aber sie wollten Mendel nicht allein lassen, also blieben sie schweigend sitzen.“ (137)

Durch diese selbstverständliche Unterstützung trägt die jüdische Gemeinde wesentlich dazu bei, dass Mendel am Ende noch in der Lage ist, sich an seinem Happy End zu freuen. Interessanterweise beschränkt sich dieser Zusammenhalt auf die Männer. Die Frauen, sofern sie überhaupt erwähnt werden, sind eigentlich immer dagegen. Skowronneks Frau verliert schnell den Respekt vor Mendel, schreit ihn an und schimpft über ihn, während ihn die Männer überwiegend mit Nachsicht und einer gewissen Ehrerbietung behandeln. Mendels eigene Frau Deborah wird auch primär als unzufriedene Nörglerin dargestellt. Das liegt vielleicht daran, dass der Roman überwiegend aus Mendels Perspektive erzählt wird, der seine Frau schon lange nicht mehr liebt. Wenn er an sie denkt, klingt es meistens so: „Sie ist ein Weib, manchmal reitet sie der Teufel.“ (103) „Sie war aus einem Weib, mit dem man sich nur in der Finsternis verbindet, gleichsam eine Krankheit geworden, mit der man Tag und Nacht verbunden ist […] und an deren treuer Feindschaft man zugrunde geht.“ (39) „Was geht sie mich an? […] Wozu leben wir noch zusammen?“ (115) Objektiv betrachtet ist Deborah viel mehr als Mendel die Person, die die Handlung vorantreibt und sich für ihre Familie engagiert. Sie besticht Leute, um ihre Söhne vom Militärdienst freizukaufen, konsultiert einen Rabbi mit der Hoffnung, Menuchim zu heilen, ist die treibende Kraft hinter der Ausreise in die USA und spart später noch Geld in der Hoffnung, Menuchim eines Tages auch nach Amerika holen zu können.

Mendel tut verglichen damit rein gar nichts. Schon ganz zu Beginn zeichnet er sich primär durch enorme Resigniertheit aus. Als die Söhne einberufen werden sollen, bittet Deborah ihn, andere um Rat zu fragen, aber er wehrt ab: „Welche Hilfe erwartest du von den Menschen, wo Gott uns gestraft hat?“ (36) Als sie dann selbst Leute bestechen geht, versucht er noch, es ihr auszureden. „Man soll sein Schicksal tragen. Laß die Söhne einrücken […]“ (38) Bis zuletzt tut er aus eigenem Antrieb eigentlich nichts. Dass es seine Frau ist, die stirbt, und er derjenige ist, der die Genesung Menuchims, für die sie viel mehr als er gebetet und gebettelt und sich bemüht hat, noch miterlebt, ist bezeichnend. Man kann das kaum anders verstehen, als dass Gott die braven Dulder belohnt und die Tatkräftigen, die ihre Situation verbessern wollen, bestraft. Zu Letzteren gehört in gewisser Weise auch Mirjam, Mendels Tochter. Sie ist einer der Anlässe für die Ausreise, denn sie hat ein Verhältnis mit einem Kosaken, was für ein jüdisches Mädchen so inakzeptabel ist, dass ihre Eltern keine Alternative sehen, als sie auf einen anderen Kontinent zu verschiffen. Dabei hat Mirjam eigentlich hervorragende Argumente, die sie ihrer Mutter gegenüber auch äußert: „Weil du einen Mendel Singer geheiratet hast, muß ich nicht auch einen heiraten. Hast du denn einen bessern Mann für mich, was? Hast du eine Mitgift für deine Tochter?“ (82). Deborah muss einsehen, dass sie recht hat, aber nach Amerika fahren sie trotzdem. Dort wird Mirjam schließlich wahnsinnig, aber man weiß nicht so recht warum. Mendels unvermittelt vorgebrachte Interpretation ist, dass sie an Mannstollheit leidet.

Mirjams Einweisung in die Psychiatrie ist der letzte der Schicksalsschläge, die Mendel ereilen. Danach beginnt seine Wut auf Gott: Er geht nach Hause, sobald er die Neuigkeit erfährt, und legt Feuer, um „Gott zu verbrennen“ (133) – in Form seiner Gebetbücher und -riemen. Doch fünfzig Jahre Gottesfurcht lassen sich nicht einfach so überwinden. Er schimpft und stampft, „sein Herz war böse auf Gott, aber in seinen Muskeln wohnt noch die Furcht vor Gott. […] Nun weigerten sich die Hände, Mendels Zorn zu gehorchen.“ (132) Interessanterweise mündet Mendels Abkehr von seiner Frömmigkeit nicht darin, dass er Atheist oder einfach desinteressiert an Religion wird. Stattdessen wird er trotzig, geht öfters ins italienische Viertel „um Schweinefleisch zu essen und Gott zu ärgern“ (139). Er betet nicht, „aber es tat ihm weh, daß er nicht betete. [….] Obwohl Mendel mit Gott böse war, herrschte Gott noch über die Welt. Der Haß konnte ihn ebensowenig fassen wie die Frömmigkeit.“ (140) Es ist also nicht sein Glaube selbst, der ins Wanken gerät; er zweifelt nicht an Gott, sondern fühlt sich lediglich ungerecht behandelt. Auch bleibt er der jüdischen Gemeinde quasi als passives Mitglied verbunden. Nur damit wird auch die Versöhnung am Ende möglich: Im Anschluss an eine sehr stimmungsvolle Schilderung eines Sederabends klopft wie der Prophet Menuchim an die Tür, der inzwischen ein gefeierter Komponist geworden ist. Für einen Moment habe ich an der Stelle erwartet, dass er seinem Vater Vorwürfe macht, weil er ihn vergleichsweise sang- und klanglos in Russland zurückgelassen hat – und zwar nachdem ein Rabbi seiner Mutter noch im Rahmen einer Weissagung ausdrücklich befohlen hatte, ihn nicht zu verlassen und nicht wegzugeben (18). Ich hätte erwartet, dass das noch mal relevant wird. Wird es aber nicht: Menuchim ist keineswegs nachtragend, sondern nimmt seinen Vater gleich mit ins Astor-Hotel.

Das ist alles ganz rührend, aber bei näherer Betrachtung auch absurd. Ausgerechnet eine Nacht im Luxushotel wird zum Inbegriff der Seligkeit für Mendel, der schlagartig völlig mit Gott und seinem Schicksal ausgesöhnt ist. Nur zur Erinnerung: Das Verhältnis gesunder zu toter oder sonstwie von der Bildfläche verschwundener Angehöriger steht nach wie vor eins zu vier. Um da von „der Schwere des Glücks und der Größe der Wunder“ (176) zu sprechen, muss man vermutlich das Gemüt eines Mendel Singer haben. Eine etwas düsterere Interpretation drängt sich aber auch noch auf: Vielleicht empfindet er die Reduktion der Familie auf sich selbst und Menuchim als das bestmögliche Ergebnis. Genau genommen erhofft er sich genau dies bereits ganz am Anfang des Romans. Als Deborah sich aufmacht, die älteren Söhne vor dem Militärdienst zu bewahren, bleibt er allein mit Menuchim zurück und fragt sich, „ob es nicht besser wäre, wenn sie überhaupt zusammenblieben, ohne Mutter, ohne Geschwister.“ (40) Genau das bekommt er am Ende. Hat Gott etwa Mendels innerste Gedanken gelesen und ihn als Belohnung für seine Ergebenheit von der ungeliebten Frau und den entfremdeten Kindern befreit? Das wäre natürlich ein ganz spezielles Happy End für den modernen Hiob.

Ein Kommentar zu “Joseph Roth: Hiob

  1. […] Ersteindrücke ist angetan von Joseph Roths Roman Hiob. […]

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