Hermann Kurzke: Thomas Mann

Hermann Kurzke: Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk
Fischer Taschenbuch Verlag 2013
Originalausgabe: 1999

Thomas Mann ist mein Lieblingsschriftsteller – mit Abstand, und seit meiner ersten Zauberberg-Lektüre immer gewesen. Alles habe ich noch nicht von ihm gelesen, aber ich bin zuversichtlich, dass ich auch dann, wenn ich sein komplettes belletristisches Werk kenne, noch der Meinung sein werde, dass Thomas Mann der beste deutschsprachige Schriftsteller ist. Wenn es soweit ist, werde ich vermutlich nahtlos anfangen, seine Briefe, Essays und Tagebücher zu lesen, und damit dann noch eine gute Weile beschäftigt sein. Auch in der Hinsicht ist Thomas Mann ein Sonderfall: Während mich die Biografien – und erst Recht autobiografische Texte – anderer Autoren für gewöhnlich nur sehr oberflächlich interessieren, packt mich in seinem Fall regelmäßig die Neugier auf alle möglichen Informationen aus seinem Leben und Dunstkreis. Glücklicherweise geht es auch anderen so: Bücher über Thomas Manns Leben sind zahlreich und werden nach wie vor verfasst.

Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk orientiert sich sehr stark am Werk und deutet Manns Leben und sein Inneres überwiegend durch seine Texte. Das funktioniert vor allem deshalb, weil das Werk im Falle Thomas Manns auch sehr stark durch sein Leben bedingt ist – und das ist wohl wiederum ein Grund dafür, weshalb das Interesse an seiner Biografie gleichsam automatisch stärker ist als das am Leben anderer Schriftsteller, deren Romane weniger offensichtlich aus ihren Erlebnissen gespeist wurden. Von Thomas Mann wird ja häufig gesagt, er habe die Biografien seiner Verwandten und Bekannten ziemlich skrupellos in Literatur umgesetzt, was natürlich in noch größerem Maße für sein eigenes Leben gilt. Daher scheint es auch legitim, dass Kurzke sich, vor allem, wenn es um anderweitig schlecht belegte Ereignisse aus Manns Kindheit geht, etwa auf Szenen aus Buddenbrooks bezieht und annimmt, dass sie so ähnlich wohl auch in der Realität stattgefunden haben.

Die Anlage Manns, den Stoff für seine Romane zu finden statt ihn zu erfinden, wurzelt Kurzke zufolge schon in der Kindheit, in der Thomas und seine Geschwister dazu erzogen wurden, in Gesellschaft eine erwünschte Rolle zu spielen. „Ihre Masken sollten glaubwürdiger sein als die Masken der anderen. Sie sollten an ihrem Gesicht festwachsen“ (22), heißt es, etwas dramatisch. Diese für vornehme Familien im 19. Jahrhundert wohl nicht so unübliche Erziehung wird wohl ihren Teil zu dieser Eigenheit Thomas Manns beigetragen haben, aber sicher nicht die einzige Ursache sein. Heinrich Mann scheint kein so ausgeprägtes Bedürfnis gehabt zu haben, sich selbst in seinen Werken zu maskieren, und Thomas wiederum scheint der Gedanke, hinter der Maske erkannt zu werden, gefallen zu haben. Zumindest für die Zeit nach dem Tod galt wohl „wünsche, daß die Welt mich kenne“ (576), was sich im umfangreichen Nachlass widerspiegelt. Entsprechend viel ist nun auch über ihn bekannt: „Denn kaum von seinen Freunden weiß man so viel wie von Thomas Mann“ (300) schreibt Kurzke, und es erscheint legitim, der Person Thomas Mann dasselbe Interesse entgegenzubringen wie seinen Romanfiguren.

Kurzke betrachtet Thomas Mann vielleicht nicht gerade wie einen Freund, aber jedenfalls mit einer von Sympathie geprägten Neugier, die er stellvertretend für den Leser artikuliert. Wo Informationen fehlen oder etwas nicht herauszufinden ist, ist seine Enttäuschung offensichtlich, etwa in Bezug auf die unfertigen Arbeiten unmittelbar vor Der kleine Herr Friedemann („Er wird Gründe gehabt haben, das alles zu vernichten. Trotzdem hätten wir es natürlich gerne gelesen“, 84). Wo immer Quellen wie Briefe und autobiografische Texte den Anschein erwecken, nicht die ganze Wahrheit zu sagen, untersucht er sorgfältig Widmungen, Glückwunschkarten, Adressnotizen und fördert alles Mögliche zutage – auch kleinste Informationsschnipsel, bei denen es einem peinlich sein würde, sie kennen zu wollen, wenn der Voyeurismus nicht vom Autor stellvertretend betrieben würde. Dabei verliert Kurzke nie den Respekt vor seinem Objekt, auch dann nicht, wenn er halb augenzwinkernd von Manns Bekümmerung über kleine Risse im Elfenbein seiner Stockkrücke und dergleichen berichtet. Möge Mann selbst auch befürchtet haben, dass die Kenntnis der Quellen seiner Inspiration seine Anhänger abschrecken könnte – bei Kurzke und damit auch bei seinem Leser führt sie in erster Linie zu „Rührung und Mitgefühl“ (344).

Der Fokus dieser Biografie liegt klar auf Person und Werk Thomas Manns, während seine Familienmitglieder überwiegend eher kurz abgehandelt werden. Mit ihm alleine sind die mehr als 600 Seiten auch gut gefüllt, allein aufgrund der Masse an Details, die Kurzke mitteilt. Obwohl man vieles über Thomas Mann schon wusste, wird wohl jeder Leser in Das Leben als Kunstwerk noch neue Fakten, vor allem aber neu und klug beobachtete Zusammenhänge finden. Äußerst spannend fand ich, dass Kurzke die Entwicklung von Thomas Manns Romanen im Verlauf seines Lebens grob wie folgt einordnet: Zu Beginn herrscht die oft besungene starke Orientierung an eigenen Erlebnissen vor (exemplarisch dafür: Buddenbrooks). Später, als vieles schon ausgeschlachtet ist, treten die eigenen Erfahrungen seltener auf und werden dafür verstärkt zu Leitmotiven erhoben (Der Zauberberg). Als dann kaum noch etwas zum Nacherzählen übrig ist, wenden sich die Romanhandlungen vom bekannten Milieu ab und es werden zunehmend fremde Erfahrungen geschildert, wobei die zentralen Themen den bisher verwendeten weiterhin ähneln (die Joseph-Tetralogie). Doktor Faustus nimmt in dieser bestechenden Logik dann eine doppelte Position ein: Thomas Mann selbst beschreibt den Roman als rücksichtslose Biografie, und in der Tat enthält er genug Selbsterlebtes, um ihn als Rückkehr zu den Anfängen zu betrachten. Andererseits ist hier aber „das Private auch straffer ins Geschirr“ genommen als in irgendeinem anderen Roman, sodass mit Doktor Faustus gleichzeitig die beschriebene Entwicklung weitergeführt wird (493).

Schön fand ich auch, dass sich Kurzke nirgends mit einfachen Antworten zufrieden gibt sondern sich verpflichtet fühlt, so nah wie möglich an die wirkliche Wahrheit heranzukommen. So wird ja häufig über die unbequeme und nicht zum späteren Demokraten und Antifaschisten Mann passen wollende Begeisterung für den Ersten Weltkrieg hinweggegangen, indem auf allgemeine Kriegseuphorie und eine Art Gruppenzwang verwiesen wird. Kurzke hingegen traut sich zu betonen, dass es sich nicht um einen Fehltritt oder eine Abweichung im Sinne einer nicht zum Rest von Manns Verhalten passenden Auffassung handelt, und geht davon aus, dass es spezielle, für Mann typische Motive gibt, die sich auch aus seinem Leben erklären lassen. Zu dem Zweck zählt er sechs Gründe auf, deren bestechendste meiner Meinung nach der dritte („Der Krieg gab die Erlaubnis zum offenen Bruderhass“, 237) und der sechste (der Krieg bietet eine Synthese zwischen dem Erhöhungs- und dem Verschmelzungstraum und damit Hoffnung auf die Lösung des zentralen Mann’schen Konflikts, der bei Kurzke überwiegend als der zwischen Vater- und Mutterwelt beschrieben wird) sind.

Was alle weiteren Vorwürfe in Bezug auf Thomas Manns politische Überzeugungen angeht, verteidigt Kurzke ihn vehement. Dass eine Verteidigung gegen den Vorwurf, Mann habe sich zu spät und halbherzig gegen den Faschismus gestellt, überhaupt nötig ist, ärgert den Autor sichtlich (er spricht von „ungeheuerlicher Selbstüberschätzung“ der Kritiker, 354); er macht sich dankenswerterweise aber dennoch die Mühe, zu betonen, dass Mann sich bereits seit den frühen 20er-Jahren lautstark und konsequent gegen den Nationalsozialismus gestellt hat. Am unangenehmsten scheinen Kurzke ohnehin nicht die politischen Verirrungen Manns, sondern seine Anwandlungen von Aberglauben zu sein. „Wir verstehen das nicht, wir billigen das nicht“ (336), heißt es zum Auftakt des Kapitels über die Teilnahme an Séancen und den Kontakt mit dem Parapsychologen Albert von Schrenck-Notzing. Dass Thomas Mann in Bezug auf Okkultismus immer im Vagen geblieben ist und nie explizit seinen Unglauben an spiritistische Phänomene dargelegt hat, scheint Kurzke ziemlich peinlich zu sein. Nachvollziehbar, wobei ich ein hier leider nicht erwähntes Zitat aus Okkulte Erlebnisse sehr tröstlich finde: „Es führt zu nichts, oder doch zu nichts Gutem. […] Ich verabscheue die Hirnverrenkung und den geistigen Pfuhl“*). Diese Einstellung halte ich nicht für peinlich, sondern vielmehr für sehr tapfer.

Sie entspricht auch einer generellen Lebensphilosophie Manns, die im Buch wiederum mehrfach erwähnt wird.  Diese entspringt dem lebenslangen Konflikt zwischen dem Wunsch nach Religiosität und dem Unvermögen dazu: „Er erkennt, daß er religiös sein will. Er weiß nur noch nicht, wie das gehen soll ohne Verrat an einer durch Nietzsches Schule gegangenen Intelligenz“ (267). Schließlich kommt er, auch in Auseinandersetzung mit der modernen Astrophysik, zu einem Kompromiss: Es mag sein, dass der Mensch nicht die Krone der Schöpfung ist, es sei ihm aber angeraten, sich zu verhalten, als wenn es so wäre. Diese leicht trotzige, aber sympathische Grundeinstellung ist es auch, die in Thomas Manns Werk immer wieder zum Vorschein kommt – es wirkt, wie Mann ja selbst gehofft hat, „lebensfreundlich, obwohl es vom Tode weiß“.

Umso schwerer ist es für die Nachgeborenen zu verstehen, weshalb Thomas Mann nicht beliebter war. Einer der Überraschungsmomente bei der Lektüre war für mich zu entdecken, wie viel Verachtung Mann vor allem zu Beginn seines Schaffens entgegengebracht wurde (Kurzke zitiert unter anderem ein relativ lustiges Gedicht von Alfred Kerr aus dem Jahr 1913: „Sprach immer stolz mit Breite / Von meiner Väter Pleite“, 222). Auch die Vorstellung, dass jemand Der Tod in Venedig mal für schlecht gehalten hat, finde ich ungewohnt und irgendwie faszinierend. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Mann zwar vielfach geehrt und ausgezeichnet, aber laut Kurzke trotzdem nicht besonders geschätzt. Warum erst eine Generation später Achtung, Bewunderung oder überhaupt ein unbefangenes Verhältnis möglich sind, stellt ihn weitgehend vor ein Rätsel. Dass Thomas Mann kein herausragend sympathischer und warmherziger Zeitgenosse gewesen ist, mag sein, aber auch dies ist eine Grundbedingung seines Schaffens und zum Teil sicher durch sein strenges Regiment gegenüber sich selbst bedingt. Sowohl die Askese als auch der Narzissmus sind notwendige Bestandteile von Manns Künstlertum. „Wir hätten dieses Werk nicht, hätte Thomas Mann seinen Leidenschaften für hübsche Kellnerburschen freien Lauf gelassen“ (91), und er hätte dieses Werk auch nicht geschrieben, wäre er „ein herzlich guter Mitmensch gewesen, wäre er im Sozialen aufgegangen“ (259), konstatiert Kurzke und lässt es dabei bewenden. Er selbst mag Thomas Mann offensichtlich gerade aufgrund dieser Eigenschaften und gibt damit auch dem Leser das Gefühl, dass es völlig berechtigt ist, neben dem Werk auch den Autor zu schätzen. Mich hat die Lektüre in meiner Eigenschaft als Thomas-Mann-Fan jedenfalls bestärkt.

*Thomas Mann: Okkulte Erlebnisse. In: Priska Pytlik (Hg.): Spiritismus und ästhetische Moderne: Berlin und München um 1900 – Dokumente und Kommentare. Tübingen 2006, S. 444.

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