Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts. Roman einer Familie
Rowohlt 2011

In Zeiten des abnehmenden Lichts müsste eigentlich das ideale Buch für mich sein. Es ist eine Familienchronik, also das Genre, das in Form von Michener-Romanen meinen ersten Kontakt mit Erwachsenenliteratur dargestellt hat. Auch wenn meine Begeisterung für diese inzwischen nachgelassen hat, habe ich für die Gattung immer noch eine Schwäche. Dann hat Die Zeit das Buch einst als „Der große DDR-Buddenbrooks-Roman“ (Klappentext) bezeichnet, und Buddenbrooks gehört eindeutig in die Top-Ten-Liste meiner Lieblingsromane. Ein Werk also aus einem meiner favorisierten Genres, das mit einem meiner favorisierten Romane meines favorisierten Schriftstellers verglichen wurde – das klingt ja schon einmal gut. Und dann geht es in ihm auch noch um die DDR, über die ich vor gut sechs Jahren einen wirklich guten Roman gelesen habe, der auch mit Buddenbrooks verglichen wurde, nämlich Uwe Tellkamps Der Turm. Und nicht zuletzt wurden sowohl Der Turm als auch In Zeiten des abnehmenden Lichts mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

Meine Erwartungen hatten also Anlass genug, ziemlich hoch zu sein. Und mit hohen Erwartungen ist ja die Enttäuschung bekanntermaßen vorprogrammiert. Das war auch hier nicht anders: Ich fand den Roman gar nicht schlecht, aber es war definitiv nicht der erhoffte vielschichtige „große Deutschlandroman“ (auch Klappentext), sondern eher eine unterhaltsame Urlaubslektüre von gewisser Fluffigkeit, die man nebenbei im Liegestuhl weglesen kann und nach sechs Wochen schon wieder vergessen hätte, wenn man nicht noch drüber bloggen wollte. Das ist ja per se nichts Negatives, passt aber nicht ganz zum Drumherum.

Es handelt sich in der Tat um eine Familienchronik, die sich über immerhin vier Generationen erstreckt, wenngleich mit überschaubarem Personal. Wir haben: Wilhelm Powileit, einen hochdekorierten SED-Funktionär, der als Antifaschist während der NS-Zeit in Mexiko im Exil war. Seinen Stiefsohn Kurt Umnitzer, Historiker, der Jahre in einem sibirischen Arbeitslager verbracht hat. Dessen Sohn Alexander, der kurz vor der Wende in den Westen geht und sich später in Amerika auf die Spuren seiner Großeltern begibt. Und schließlich noch dessen Sohn Markus, der mit seiner alleinerziehenden Mutter im Ostdeutschland der Vor- und Nachwendezeit aufwächst. Dazu kommen noch Wilhelms Frau Charlotte, Kurts Frau Irina, die er in Russland kennengelernt hat, und Irinas Mutter Nadjeshda Iwanowna. Jede dieser Figuren tritt in mindestens einem Kapitel als Ich-Erzähler auf, was ich mit Abstand die beste Idee an diesem Roman fand. Die kurzen Beschreibungen zeigen schon, dass es sich um sehr unterschiedliche Leute handelt, und es ist durchaus reizvoll, auf diese Weise verschiedene Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt zu bekommen. Was die Handlung angeht, passiert im Grunde nämlich gar nicht so viel. Die Figuren erleben natürlich so einiges – vom Weltkrieg über den Mauerfall bis hin zu 9/11– aber thematisiert wird im Wesentlichen das Privatleben. Man feiert Feste, bekommt Orden verliehen, reist, erkrankt und streitet sich; zwar alles vor dem Hintergrund der Weltgeschichte, aber ohne dass diese je wirklich im Fokus stünde.

Schlüsse auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen lassen sich wenn dann aus den Alltagserlebnissen ziehen. So lesen wir zwei Mal, wie Irina eine Weihnachtsgans zubereitet: einmal 1976 und einmal 1991. 1976 wird seitenlang geschildert, wie sie an die Zutaten für die Füllung gekommen ist, nämlich an Aprikosen durch mehrstufigen Tauschhandel, an Feigen aus dem Russenmagazin, an Kastanien durch Sammeln und an Weintrauben gar nicht. 1991 dagegen: „Die Aprikosen kamen aus dem Supermarkt. Auch die Weintrauben kamen aus dem Supermarkt. Die Feigen kamen aus dem Supermarkt. Die Birnen, die Quitten […] sogar Esskastanien gab es im Supermarkt, fix und fertig gebacken und geschält, und nachdem sie sich letztes Jahr noch gesträubt hatte […] hatte sie dieses Mal zugegriffen – wozu sich unnötig Arbeit machen? Und doch war es gerade diese Kleinigkeit, die Irina für einen winzigen Augenblick aus dem Konzept brachte“ (351). Man erfährt also auf nicht sehr subtile Weise, dass sich nach der Wiedervereinigung diverse Lebensmittel viel bequemer beschaffen ließen, dass dadurch aber auch ein wenig der Spaß verloren ging.

Irina kommt, nachdem sie den Umzug vom Ural in die DDR noch ganz gut überstanden hat, mit dem Leben im wiedervereinigten Deutschland insgesamt nicht gut zurecht. Das Weihnachtsfest 1991 endet im Chaos, nachdem sie den ganzen Tag beim Kochen Whisky getrunken hat. Am Ende landen die Kartoffeln im Müll und die Gans auf dem Boden und Irina pöbelt zum guten Abschluss noch die Freundin ihres Sohnes an, die ihr helfen will, auf die sie aber eifersüchtig ist. Sie ist also kein besonders sympathischer Charakter, aber dadurch, dass man einige Kapitel aus ihrer Perspektive erzählt bekommt, erfährt man auch von ihrer harten Kindheit und wie sie als junge Frau von ihrer Schwiegermutter Charlotte tyrannisiert wurde, und kann sich dann doch ein wenig für sie erwärmen.

Gleiches gilt für eigentlich alle anderen Charaktere: Irinas Mann Kurt ist ein opportunistischer Wissenschaftler, der seinen Sohn vernachlässigt und seine Frau betrügt, aber er leidet auch an den physischen und psychischen Folgen der Lagerhaft. Alexander bestiehlt seinen dementen Vater und lässt ihn hilflos zurück, hat aber auch kurz zuvor erfahren, dass er selbst an einer unheilbaren Krankheit leidet. Charlotte ist streitsüchtig und jüngeren Frauen gegenüber geradezu bösartig, und am Ende begeht sie sogar – wahrscheinlich – einen Mord. Außerdem schreibt sie Verrisse über Bücher, die nicht der Parteilinie entsprechen. Doch auch für sie kann man noch ein gewisses Verständnis aufbringen, wenn man die Kapitel liest, die aus ihrer Perspektive erzählt sind: Ihr Mann Wilhelm ekelt sie nicht nur an, sondern ist auch noch viel dümmer als sie, behandelt sie jedoch trotzdem von oben herab. Ihre Eltern förderten nur ihren Bruder und ließen sie bloß vier Jahre Haushaltsschule absolvieren, wovon sie einen lebenslangen Minderwertigkeitskomplex zurückbehalten hat. Ihr Drang nach Anerkennung trieb sie zu den Kommunisten: „Erst die Kommunisten […] hatten ihre Talente erkannt, hatten ihre Fremdsprachenausbildung gefördert, hatten sie mit politischen Aufgaben betraut.“ (46 f.) Sie wird nach der Rückkehr aus dem mexikanischen Exil Sektionsleiterin an der Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften, während Wilhelm auf seinem Posten scheitert und vorzeitig pensioniert wird. Trotzdem ist er derjenige, der aufgrund seines selbstsicheren Auftretens und seiner langen Parteizugehörigkeit mit Auszeichnungen und Ehrungen überschüttet wird, was so sehr an ihr nagt, dass sie sich erst in Hypochondrie flüchtet und schließlich als über 80-Jährige noch ihren Mann vergiftet. Wilhelm wiederum wird als rundum unerträglicher Zeitgenosse und strammer Stalinist geschildert, ist aber zumindest als alter Mann auch einsam und verwirrt.

Die wechselnden Erzählperspektiven haben mir also gut gefallen, auch wenn die Erkenntnisse, die sich aus ihnen ziehen lassen, nicht revolutionär sind. Dass auch unsympathische Leute meist einen Grund für ihr Verhalten haben und dass letzten Endes jeder der Held seiner eigenen Geschichte ist, ist keine große Neuigkeit, wird aber dafür ungewöhnlich sorgfältig vermittelt. Mir will allerdings nicht einleuchten, weshalb auch noch der Erzählzeitpunkt ständig wechselt. Auf den ersten Blick erscheint die Art und Weise, wie von Jahr zu Jahr gehüpft wird, arbiträr, aber bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass ungefähr jedes zweite Kapitel entweder 2001 oder 1989 spielt, während die dazwischenliegenden Kapitel sich chronologisch von 1952 bis 1995 vorarbeiten. 2001 ist demnach der späteste Zeitpunkt des Romans, an dem sich Alexander auf eine Reise nach Mexiko begibt, von wo seine Großeltern am frühesten Zeitpunkt des Romans, 1952, in Richtung DDR aufgebrochen sind. Hier schließt sich also ein Kreis, und in dessen Mittelpunkt wiederum steht der 1. Oktober 1989. An diesem Tag laufen alle Erzählstränge zusammen: Wilhelm feiert seinen 90. Geburtstag, und bis auf Alexander, der kurz zuvor in den Westen geflohen ist, treffen alle Figuren aufeinander und berichten in ihren jeweiligen Kapiteln über die Feier.

Ich verstehe, dass hier eine Art Kristallisationspunkt geschaffen werden soll, aber meiner Meinung nach hätte das eine chronologisch erzählte Geschichte genauso gut leisten können. Dadurch, dass durch die vielen Zeitsprünge alles mehr oder weniger gleichzeitig erzählt wird, gibt es eigentlich keinen Spannungsbogen, und dadurch, dass man gefühlt alle paar Seiten über dieselbe Geburtstagsfeier liest, erlahmte zumindest mein Interesse an derselben auch früher, als es vermutlich der Fall gewesen wäre, wenn zuerst ein breiter erzählerischer Bogen von 1952 bis 1989 geschlagen worden wäre und der Tag selbst dann in einem längeren Kapitel abgehandelt worden wäre. Das Ganze hätte dann meinetwegen noch eine Rahmenhandlung in 2001 bekommen können, obwohl ich die Krebserkrankung Alexanders, um die es in dieser überwiegend geht, auch etwas unbeholfen finde. Er leidet am Non-Hodgkin-Lymphom, also einer immunologischen Krankheit. Das bedeutet: „Es gab nichts herauszuschneiden, nichts zu lokalisieren. Es kam aus ihm selbst, aus seinem Immunsystem. Nein, es war sein Immunsystem. Es war er selbst. Er selbst war die Krankheit.“ (99) Wenn das keine Metapher auf die DDR ist, dann weiß ich es auch nicht. Ein weiterer Grund, weshalb ich die ständigen Zeitsprünge nicht nachvollziehen kann, ist die andere DDR-Metapher im Titel des Romans. Der deutet ja auf einen Prozess hin: Das Licht nimmt ab. Damit ist wohl gemeint, dass die Strahlkraft der DDR verebbt und der Zusammenhalt der Familie nachlässt, aber wirklich fühlbar wird das nicht, da eben keine Entwicklungen, sondern nur Momentaufnahmen beschrieben werden. Somit bleibt alles irgendwie an der Oberfläche, was ich angesichts der vielversprechenden Ausgangslage nicht erwartet hätte. Wenn man schon die Buddenbrooks der DDR küren will, dann sind es jedenfalls eher die Hoffmanns als die Umnitzers.

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Clemens J. Setz: Indigo

Clemens J. Setz: Indigo
Suhrkamp 2012

Als jemand, der fast alles googelt und dabei auch vor den merkwürdigen Winkeln des Internets nicht zurückschreckt, hatte ich natürlich schon von Indigo-Kindern gehört. So bezeichnen Eltern ihre anstrengenden, eigenwilligen Sprösslinge, wenn sie davon überzeugt sind, dass sie spirituell besonders begabte Wesen mit fünfdimensionalem Bewusstsein sind, die als Vorboten eines neuen transzendenten Zeitalters fungieren. Zu erkennen sind diese Kinder an ihrer indigofarbenen Aura. Wer nicht das Glück hat, Auren sehen zu können, der muss Indigokinder – ebenso wie ihre Verwandten, die Regenbogen- und Kristallkinder – anhand ihres Verhaltens identifizieren. Ich finde es immer wieder faszinierend, was Leute alles glauben, wenn es ihnen dabei hilft, sich bzw. ihren Nachwuchs als etwas Besonderes zu sehen.

Der Roman „Indigo“ stellt eine leicht bösartige Abwandlung dieses Konzepts vor. Hier gibt es Kinder mit einer Krankheit namens Indigo, deren Aura jeder wahrnehmen kann, allerdings nicht visuell, sondern in Form von heftiger Übelkeit, Kopfschmerzen und weiteren unangenehmen Symptomen. In ihrer Nähe hält es daher niemand lange aus, was eine ganze Reihe weiterer Besonderheiten mit sich bringt. Was fängt man an mit einem Baby, in dessen Umgebung sich die ganze Familie elend fühlt? Wie unterrichtet man Schüler, zu denen man meterweit Abstand halten muss? Abgesehen von der Existenz der Indigo-Krankheit spielt der Roman mehr oder weniger im Österreich der Gegenwart, weshalb man als Leser ganz gut mitüberlegen kann, wie wohl eine Gesellschaft aussähe, die mit solchen Kindern konfrontiert ist. Sie wird ziemlich sorgfältig entworfen und beschrieben, von speziellen Internaten mit Hörsälen und einer eigenen Hütte für jeden Schüler bis hin zur Entstehung einer Subkultur, abwertenden Begriffen, die zurückerobert werden (inklusive „Dingo Pride“-T-Shirts) und dem Aufkommen einer „Proximity-Awareness“-Bewegung, die davon ausgeht, dass in Wirklichkeit die Indigo-Kinder das richtige Verständnis von Distanz haben und alle anderen viel zu nah aufeinander hocken. Es liegt nahe, das als Allegorie auf tatsächliche Behinderungen und Entwicklungsstörungen zu verstehen. Die Beschreibungen der Mütter der Indigo-Babys mit ihrer Mischung aus Abscheu und Aufopferung haben mich aber auch an postpartale Depressionen und „Regretting Motherhood“ denken lassen. „Diese dunklen Augenringe, die verkrümmten Finger, die verklebten und ungewaschenen Haare, diese anklagenden Lippen, die immer ein bisschen zittern, burnt out, burnt out […] man hält diese Mütter eben nur eine Zeitlang aus. Wie sie dasitzen und von ihrer Erschöpfung erzählen … und dieser leidende Ton, den sie dabei anschlagen, das können wohl nur Frauen.“ (60)

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Inge und Walter Jens: Katias Mutter

Inge und Walter Jens: Katias Mutter. Das außerordentliche Leben der Hedwig Pringsheim
Rowohlt 2005

Wenn Thomas-Mann-Biografien gefragt sind, dann lassen sich Biografien seiner Verwandten wohl auch gut verkaufen. Das ist anscheinend der treibende Gedanke hinter einer nicht ganz kleinen Menge an Veröffentlichungen. Obwohl es mich mitunter wundert, wessen Lebensbeschreibungen alle damit beworben werden, dass die betreffende Person etwas mit Thomas Mann zu tun hatte, funktioniert der Trick bei mir natürlich hervorragend: Nach der Biografie seiner Frau habe ich nun die Biografie seiner Schwiegermutter gelesen, und ich würde mich nicht wundern, wenn ich irgendwann auch noch zu denen seiner Schwester, seines Bruders, seiner Schwägerin, seines Sohnes, seines Enkels und seines Landhauses greifen würde.* Man kann sich aber leicht ausrechnen, dass ein Buch über Hedwig Pringsheim auch jede Menge Stoff beinhaltet, der rein gar nichts mit dem Schwiegersohn zu tun hat. Das war mir nur recht, weil ich bei der Lektüre von Frau Thomas Mann schon aufgrund der zahlreichen dort zitierten Briefe ein gewisses Interesse am restlichen Leben von Katias Mutter entwickelt hatte, aber es sollte einem bewusst sein.

An manchen Stellen ging es mir allerdings zu weit, beispielsweise dort, wo seitenlang darüber berichtet wird, wie das Berliner Palais von Rudolf Pringsheim von außen aussah, inklusive detaillierter Beschreibungen diverser Friese und Ornamente. Was diese Informationen hier verloren haben, ist mir ein Rätsel. Vermutlich hatten die Autoren ursprünglich auch noch eine Biografie des Schwiegervaters der Schwiegermutter von Thomas Mann geplant und fanden die Rechercheergebnisse zu schade zum Wegwerfen. Mir haben diese Passagen zumindest noch einmal verdeutlicht, dass wir uns hier wirklich ein ganzes Stück in der Vergangenheit befinden. Thomas Manns eigene Lebenszeit überlappt immerhin deutlich mit der meiner Großeltern – das ist auch noch ein ziemlicher Abstand, aber man hat noch ein paar Anhaltspunkte, anhand derer man sich ein wenig in die Zeit hineinversetzen kann. Noch mal ein bis zwei Generationen zurück und wir lesen über Leute, die als Beruf „Rittergutsbesitzer“ angeben, eine pferdebetriebene Schmalspurbahn verwalten oder sich in italienischen Renaissancekostümen an der Wand ihres Herrenzimmers verewigen lassen. Weiterlesen

Christa Wolf: Medea. Stimmen

Christa Wolf: Medea. Stimmen
Suhrkamp Taschenbuch 2008
Originalausgabe: 1996

Es gibt eine erstaunliche Menge an Bearbeitungen des Medea-Stoffes, aber bis zur Lektüre von Medea. Stimmen kannte ich keine einzige davon. Mein Hintergrundwissen speiste sich zu 100 Prozent aus einem Kapitel in Gustav Schwabs Die schönsten Sagen des klassischen Altertums. Für alle, die auch das wieder vergessen haben: Jason lernt Medea kennen, als er auf der Suche nach dem Goldenen Vlies ist, das ihrem Vater, dem König von Kolchis, gehört. Sie verhilft ihm dazu und flieht mit ihm nach Korinth, wo Jason sie später verstößt, weil er lieber die dortige Prinzessin Glauke heiraten will. Medea tötet daraufhin nicht nur Glauke, sondern auch ihre eigenen Söhne von Jason.

Mit dieser Frau ist also nicht zu spaßen. Aber wenn der Roman dann mit einem Monolog Medeas beginnt, bekommt man sogleich den Eindruck, dass Wolfs Medea ganz anders ist. Wir befinden uns schon in Korinth, Medea und Jason sind noch zusammen, und sie erinnert sich an das gestrige Festessen beim König, bei dem sie nicht nebeneinander saßen, sondern sie, die in Korinth auch nach Jahren noch als Fremde betrachtet wird, an den Dienstbotentisch verbannt wurde. Diese Szene ist also eine Art Vorstufe des späteren Verrats durch Jason, aber Medea empfindet hier keinen Rachedurst, sondern neckt ihren Mann nur, indem sie sich mit ihren Tischnachbarn extra gut amüsiert: „Telamon spielte mit, wir brachten den armen Jason in die Klemme, hin und her gerissen zwischen der Botmäßigkeit gegenüber einem König, von dem wir allerdings abhängen, und seiner Eifersucht, trank er mir verstohlen zu […], aber wenn der König zu einer seiner Tiraden ansetzte, mußte er an seinen Lippen hängen.“ (17)

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Daniel Kahneman: Schnelles Denken, langsames Denken

Daniel Kahneman: Schnelles Denken, langsames Denken
Siedler 2012
Originalausgabe: 2011 als: Thinking, fast and slow

Manchmal kommt es vor, dass einem ein Buch von allen Seiten entgegenspringt. Nachdem ich jahrelang nichts von der Existenz von Thinking, fast and slow mitbekommen hatte, tauchte es plötzlich scheinbar überall auf: In den Kommentarspalten von Blogs wurde es empfohlen, in Zeitungsartikeln zitiert und sogar von mehreren Personen in einem Thread über „life-changing books“ angeführt. Auch wenn ich es aufgegeben habe, von Büchern zu erwarten, dass sie mein Leben ändern, lasse ich mich von so etwas gerne beeinflussen – zumal, wenn meine örtliche Bücherei die deutsche Übersetzung gleich in mehrfacher Ausfertigung vorrätig hat und ich keine 26,99 € für etwas hinblättern muss, von dem ich so halb befürchtet hatte, dass es sich um einen Ratgeber zur Optimierung der Urteilskraft oder etwas ähnlich Dubioses handelt.

Daniel Kahneman ist aber nun kein Selbsthilfe-Guru, sondern ein renommierter Kognitionspsychologe mit Nobelpreis. Schnelles Denken, langsames Denken hat offensichtlich zum Ziel, die Essenz seiner akademischen Karriere auf eine für Laien zugängliche Weise aufzubereiten. Für Leser, die sich etwas mehr Wissenschaftlichkeit wünschen, gibt es am Ende zwei seiner bekanntesten Artikel in (übersetzter) Originalversion; für Leser, die eher Wert auf Wissensschnipsel zum Angeben legen, gibt es aber auch nach jedem Kapitel eine Liste von Sätzen, die dabei helfen sollen, das soeben Gelernte in den Smalltalk am Kaffeeautomaten einfließen zu lassen.

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Siri Hustvedt: What I loved

Siri Hustvedt: What I loved
Picador 2003

Je älter ich werde, desto weniger lese ich. Da ich über jeden Unsinn eine Liste führe, kann ich feststellen, dass ich zum Beispiel zwischen meinem 20. und meinem 21. Geburtstag 78 Bücher (erstmals) gelesen habe, zwischen dem 30. und dem 31. dagegen nur noch 13. Das wird etwas damit zu tun haben, dass die Freizeit weniger geworden ist, aber möglicherweise genauso viel damit, dass ich heute im Gegensatz zu damals unbegrenzten Internetzugang habe. Was diese Entwicklung jedenfalls mit sich bringt, ist, dass ich an einem Buch, das ich früher in drei Tagen durchgelesen hätte, inzwischen wochenlang sitze. Umso mehr Spaß hat es mir jetzt gemacht, erstmals seit Langem wieder einen Roman in kürzester Zeit zu inhalieren. Zwei längere Zugfahrten haben für What I loved gereicht und auch dafür festzustellen, dass es doch eigentlich ein schöneres Gefühl ist, für ein paar Stunden völlig in einem Buch zu versinken, als immer nur morgens zwei Seiten beim Zähneputzen zu lesen.

Die Bezeichnung als „page-turner“, wie sie in den zitierten Pressestimmen verwendet wird, ist also nicht falsch. Dabei handelt es sich insbesondere im ersten Teil überhaupt nicht um einen besonders schnell erzählten Roman, der von Höhepunkt zu Höhepunkt hetzen würde, sondern eher um eine gemütlich voranschreitende Milieustudie, die aber trotzdem etwas Fesselndes an sich hat. Das geschilderte Milieu ist jedenfalls ein eher spezielles, zu dem die wenigsten Leser einen direkten Bezug haben dürften, nämlich die New Yorker Künstler- und Intellektuellenszene der 1980er-Jahre. Der Ich-Erzähler Leo ist Kunstgeschichtsprofessor, seine Frau Erica Anglistikdozentin, sein bester Freund Bill bildender Künstler, dessen erste Frau Lucille Dichterin und die zweite, Violet, Autorin kulturwissenschaftlicher Abhandlungen. Wenn diese Familien zusammen Urlaub machen, dann sieht das so aus: „I heard the soft sound of Erica’s electric typewriter as she wrote the book that was eventually published under the title Henry James and the Ambiguities of Dialogue. From Violet’s room I listened to the hushed drone of girls speaking on tape. […] From Bill’s workplace I heard hammering, the occasional bangs and crashes […] as I bent over a reproduction of a Duccio madonna. […] The triptychs and panels […] sometimes overlapped with Bill’s magical narratives or with Violet’s starving girls. […] And because Erica read to me from her book every afternoon, I found that the attenuated sentences of Henry James […] sometimes infected my prose.“ (112) Die einzigen nicht schöpferisch tätigen Mitglieder der Gruppe sind die gleichaltrigen Söhne von Bill und Leo, die derweil Löcher buddeln und Käfer fangen.

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Stendhal: Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz
dtv 2015
Originalausgabe: 1830 als Le Rouge et le Noir

So lange wie für Rot und Schwarz habe ich schon lange für keinen Roman mehr gebraucht. Begonnen habe ich im Spätsommer am Strand und habe den immer mitgenommener aussehenden Wälzer dann den ganzen Herbst und bis ins neue Jahr mit mir herumgeschleppt. Es ist also ein Buch, für das man sich Zeit nehmen muss (wenn auch vielleicht nicht ganz so viel wie ich), zumal, wenn man auch den massiven Fußnotenapparat dieser Ausgabe goutieren will, ohne den jeder, der nicht über enzyklopädisches Wissen zur französischen Restauration verfügt, ohnehin nur die Hälfte verstehen dürfte.

Dass ich den Anfang gelesen habe, ist nun also schon ein wenig her, aber ich meine mich zu erinnern, dass es eher zäh losgeht und dann im Mittelteil anfängt, interessanter zu werden. Andernfalls hätte ich vermutlich irgendwann aufgegeben, aber nach ein paar Kapiteln war ich doch zu neugierig darauf, wie es mit Julien und seinen Liebschaften nun weitergeht. Auf der Ebene der Handlung ist Rot und Schwarz vor allem zu Beginn ein typischer Aufsteigerroman: Der Protagonist, Sohn eines Tischlers, bemüht sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts um soziales Emporkommen und bringt es immerhin zum Chevalier, Oberleutnant und Verlobten der Tochter eines Marquis. Dies gelingt ihm im Wesentlichen durch den geschickten Einsatz seiner zwei einzigen Ressourcen, nämlich seines attraktiven Äußeren und der Tatsache, dass er die Bibel auswendig kann. Mit Letzterem gibt er hemmungslos an, wann immer es sich anbietet. Als 18-Jähriger erhält eine Stelle als Hauslehrer bei Bürgermeister de Rênal, lässt sich am ersten Arbeitstag von seinen Zöglingen abfragen und beeindruckt die ganze Gesellschaft, indem er auf ein Stichwort hin die gesamte lateinische Seite zitiert. „Diese Szene trug Julien den Titel Monsieur ein; selbst die Dienstboten wagten nicht, ihm eine solche Anrede zu verweigern.“ (49)

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Ted Chiang: Story of Your Life

Ted Chiang: Story of Your Life
In: Stories of Your Life and Others
Pan Macmillan 2015
Originalausgabe: 1998

Ich weiß nicht, was ich seltener lese: Kurzgeschichten oder Science-Fiction. Dass ich schon einmal eine Science-Fiction-Kurzgeschichte gelesen hätte, kann ich erst recht nicht behaupten. Der Anlass dafür, dass ich mich jetzt doch einmal an diese Kombination gewagt habe, war mal wieder ein Kinofilm – Arrival –, der lose auf Story of your life basiert. Passend zum Genre habe ich (ebenfalls eine Premiere) nicht auf Papier gelesen, sondern den Text mit durch das Beantworten belangloser Fragen erworbenem Google-Play-Guthaben gekauft und dann auf meinem Smartphone gelesen. 1998, im Entstehungsjahr der Erzählung, wäre mir dieses Vorgehen selbst noch wie Science-Fiction vorgekommen.

Den Film habe ich mir nicht deshalb angesehen, weil darin Aliens vorkommen, sondern weil es in ihm um Linguistik geht, genauer gesagt um eine Interpretation der Sapir-Whorf-Hypothese.* Die besagt bekanntlich, dass die Sprache das Denken beeinflusst – eine Annahme, die hier ins Extrem getrieben wird. Die Sprachwissenschaftlerin Louise lernt die Sprache der Aliens (die übrigens an siebenarmige Tintenfische erinnern, was mir gefallen hat, weil ja schon unsere irdischen Tintenfische erschreckend intelligent sind), wodurch sich ihre Denkweise verändert und sie zu einer völlig neuen Wahrnehmung der Welt gelangt. Aus irgendeinem Grund sprechen alle Aliens dieselbe Sprache (im Film handelt es sich immerhin um zwölf über den Globus verteilte, bemannte bzw. bealiente Raumschiffe und im Buch sogar um 112, die im Orbit kreisen), während jedes irdische Land, das unmittelbar mit ihnen konfrontiert ist, versucht, ihnen die eigene Sprache beizubringen.

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Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche

Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche. Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen
Philipp Reclam jun. 1992
Originalausgabe: 1842

Im Moment komme ich nicht sehr viel zum Lesen, und weil ich es sehr frustrierend finde, dass ich schon seit Monaten an einem ziemlich umfangreichen Roman laboriere, habe ich mir als Zwischenlektüre das kürzeste Buch ausgesucht, das in unserem Bücherregal zu finden war. Die Judenbuche als Reclam-Heftchen hat ganze 71 Seiten inklusive Nachwort und wurde laut Aufdruck irgendwann einmal für genau 3,00 DM angeschafft, was ich irgendwie rührend finde. Als typisches Beispiel für eine Biedermeiernovelle wird Die Judenbuche ja auch gerne als Schullektüre herangezogen. Ich musste sie aber offenbar nie lesen, weshalb ich auch nur eine eher vage Vorstellung vom Inhalt hatte (genau genommen dachte ich aus irgendeinem Grund, es ginge um einen Baum, in den ein jüdisches Liebespaar seine Initialen ritzt).

Diese Annahme stellte sich als grundfalsch heraus; es geht nämlich überhaupt nicht um Liebe, sondern um Recht und Verbrechen, Moral, Identität und die dörfliche Gemeinschaft im „gebirgichten Westfalen“. Über das Dorf B., in dem die Geschichte spielt, erfahren wir gleich im ersten Absatz zwei Dinge: dass es sehr malerisch in einer Waldschlucht liegt und dass das Rechtswesen dort nicht sehr ausgeprägt ist. „Unter höchst einfachen und häufig unzulänglichen Gesetzen waren die Begriffe der Einwohner von Recht und Unrecht einigermaßen in Verwirrung geraten, oder vielmehr, es hatte sich neben dem gesetzlichen ein zweites Recht gebildet, ein Recht der öffentlichen Meinung, der Gewohnheit und der durch Vernachlässigung entstandenen Verjährung.“ (3 f.) Recht gesprochen wird meist durch die Gutsherren. Die Lückenhaftigkeit des Rechtsstaats wird jedoch nicht als etwas Negatives dargestellt. Vielmehr teilt uns der Erzähler mit, dass „wer nach seiner Überzeugung handelt, und sei sie noch so mangelhaft, […] nie ganz zugrunde gehen [könne], wogegen nichts seelentötender wirkt, als gegen das innere Rechtsgefühl das äußere Recht in Anspruch nehmen“ (4).

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Stephanie Coontz: Marriage, a History

Stephanie Coontz: Marriage, a History. How love conquered marriage
Penguin Books 2006

Eigentlich wollte ich ein Buch über die unterschiedlichen Hochzeitsbräuche in Europa und Nordamerika lesen, habe aber die Suche irgendwann wieder aufgegeben, weil ich nur Ratgeber und Bastelbücher gefunden habe. Dabei lassen sich über das Thema sicher schöne kulturwissenschaftliche Abhandlungen schreiben. Vermutlich gibt es die auch irgendwo, aber wohl eher in Zeitschriften oder andernorts, wo ich nicht geguckt habe. Bei der Suche bin ich dafür aber auf Marriage, a History gestoßen, ein populärwissenschaftliches Werk über die Institution der Ehe, das offenbar vor einigen Jahren in den USA für Aufsehen gesorgt hat, weil es argumentiert, dass das traditionelle Modell der Ehe nicht in Gefahr sei, weil es ein solches gar nicht gebe.

Auch in dieser Hinsicht unterscheiden sich Europa und Amerika wohl in nicht unerheblichem Maße. Nach meiner Einschätzung sind es hier eher Randgruppen, die sich zurück in die Zeiten der Hausfrauenehe wünschen, während es in den USA offenbar eine größere Debatte darüber gegeben hat, ob die Ehe und ihre klassischen Werte von der modernen Gesellschaft unwiederbringlich zerstört werden. Interessant ist das Buch aber auch für Deutsche, zumal ja jeder irgendein Bild von „Ehe“ im Kopf hat, dem es nicht schadet, ein wenig zurechtgerückt zu werden. Bei den meisten wäre das wohl so etwas wie „Mann und Frau leben möglichst monogam zusammen“. Bereits auf den ersten Seiten von Marriage, a History wird jedoch deutlich, dass es für jedes scheinbar universelle Merkmal von Ehe so viele Ausnahmen gibt oder in der Geschichte der Menschheit gab, dass man nicht mehr von einem universellen Merkmal sprechen kann.

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