Daniel Kahneman: Schnelles Denken, langsames Denken

Daniel Kahneman: Schnelles Denken, langsames Denken
Siedler 2012
Originalausgabe: 2011 als: Thinking, fast and slow

Manchmal kommt es vor, dass einem ein Buch von allen Seiten entgegenspringt. Nachdem ich jahrelang nichts von der Existenz von Thinking, fast and slow mitbekommen hatte, tauchte es plötzlich scheinbar überall auf: In den Kommentarspalten von Blogs wurde es empfohlen, in Zeitungsartikeln zitiert und sogar von mehreren Personen in einem Thread über „life-changing books“ angeführt. Auch wenn ich es aufgegeben habe, von Büchern zu erwarten, dass sie mein Leben ändern, lasse ich mich von so etwas gerne beeinflussen – zumal, wenn meine örtliche Bücherei die deutsche Übersetzung gleich in mehrfacher Ausfertigung vorrätig hat und ich keine 26,99 für etwas hinblättern muss, von dem ich so halb befürchtet hatte, dass es sich um einen Ratgeber zur Optimierung der Urteilskraft oder etwas ähnlich Dubioses handelt.

Daniel Kahneman ist aber nun kein Selbsthilfe-Guru, sondern ein renommierter Kognitionspsychologe mit Nobelpreis. Schnelles Denken, langsames Denken hat offensichtlich zum Ziel, die Essenz seiner akademischen Karriere auf eine für Laien zugängliche Weise aufzubereiten. Für Leser, die sich etwas mehr Wissenschaftlichkeit wünschen, gibt es am Ende zwei seiner bekanntesten Artikel in (übersetzter) Originalversion; für Leser, die eher Wert auf Wissensschnipsel zum Angeben legen, gibt es aber auch nach jedem Kapitel eine Liste von Sätzen, die dabei helfen sollen, das soeben Gelernte in den Smalltalk am Kaffeeautomaten einfließen zu lassen.

Eine Eigenheit von wissenschaftlichen Karrieren ist ja, dass meistens noch andere Personen an den eigenen Erfolgen beteiligt sind, und Kahneman bemüht sich sehr, den Anschein zu vermeiden, dass er sich in diesem Buch nur selbst beweihräuchern will. Grundsätzlich finde ich das sympathisch, aber für Unbeteiligte ist es doch etwas ermüdend, ständig darüber zu lesen, dass er diese und jene Studie mit diesem oder jenem äußerst fähigen Kollegen durchgeführt hat und dieser oder jene brillante Wissenschaftler ihn auf dieses oder jenes Problem aufmerksam gemacht habe. Wenn man nun also weder daran interessiert ist, mit wem Kahneman „auf langen Spaziergängen durch ruhige Straßen des schönen Jerusalems“ (333) Brainstorming betrieben hat, noch daran, demnächst in der Mittagspause seine Kollegen mit Sätzen wie „Sie scheinen an einem akuten Fall von Konkurrenzvernachlässigung zu leiden“ (328) zu erschrecken – gibt es dann trotzdem etwas zu entdecken in diesem Buch?

Da ist zunächst einmal die sich als roter Faden durch alle Kapitel ziehende Unterteilung der menschlichen Denkprozesse in zwei Modi, hier genannt System 1 und System 2. System 1 ist das schnelle Denken, System 2 das langsame. Auch wenn man noch nie darüber nachgedacht hat, leuchtet diese Einteilung sofort ein. System 1 arbeitet spontan, automatisch und ohne dass man sich groß anstrengen müsste. Bekannte Gesichter erkennen, Werbeslogans lesen oder über eine leere Autobahn fahren sind Aktivitäten, die System 1 übernimmt, während System 2 erst ins Spiel kommt, wenn etwas mehr Konzentration erforderlich ist: in einer Menschenmenge eine bestimmte Person suchen, ein Gedicht auswendig lernen, mit einem neuen Auto rückwärts einparken und so weiter. System 2 ist das, was wir uns vorstellen, wenn wir daran denken, dass wir denken, während die Prozesse in System 1 spontan und mehr oder weniger unbewusst ablaufen. Natürlich handelt es sich hierbei um Metaphern (System 1 und System 2 sind keine existierenden Gebilde oder Bereiche im Gehirn), aber immerhin um anschauliche.

Interessant wird es natürlich dann, wenn sich ein System an einer Aufgabe versucht, für die es nicht geeignet ist, und wenn das passiert, ist es meistens System 1, das Aufgaben löst, die besser an System 2 übergeben worden wären. Der Grund ist, dass die Arbeit mit System 2 Selbstkontrolle erfordert, daher aufwändig und ermüdend ist. Das weiß jeder, der eigentlich mit der Steuererklärung anfangen wollte, aber lieber noch ein paar Katzenvideos auf YouTube anguckt, doch es gibt natürlich auch jede Menge Experimente, die zeigen, dass die kognitive Leichtigkeit, die man empfindet, während man ausschließlich mit System 1 operiert, mit positiven Gefühlen einhergeht, während man sich zur Arbeit mit System 2 aktiv zwingen muss.

Diese inhärente Faulheit (bzw. dieser ökonomische Umgang mit mentalen Ressourcen) führt immer wieder zu Denkfehlern, von denen Kahneman eine ganze Reihe ausführlich beschreibt. Interessant fand ich die intuitiven Heuristiken und die Verfügbarkeitsfehler. Das Problem bei Ersteren ist, dass man mithilfe von System 1 spontan eine Antwort auf eine Frage findet, ohne zu merken, dass man, da die Frage eigentlich zu komplex für System 1 ist, sie durch eine leichtere Frage ersetzt und stattdessen diese beantwortet hat. (25) Man kauft dann also beispielsweise Aktien eines Unternehmens, weil man denkt, man hätte die Frage „Werden die Aktien dieses Unternehmens steigen“ mit Ja beantwortet, während es in Wirklichkeit die viel weniger aussagekräftige Frage „Finde ich, es handelt sich um ein gutes Unternehmen?“ war. Auch die Verfügbarkeitsheuristik ersetzt eine Frage durch eine andere. Wenn es darum geht, Häufigkeiten von Phänomenen abzuschätzen, begnügt sich System 1 damit, herauszufinden, wie leicht ihm Beispiele für dieses Phänomen einfallen. Wenn einem in kürzester Zeit mehrere Scheidungsskandale von Prominenten in den Sinn kommen, geht man also davon aus, dass sich Promis sehr oft scheiden lassen, und wenn man noch genau im Kopf hat, dass man letzte Woche Staub gesaugt und den Müll rausgebracht hat, vermutet man, dass man generell sehr viel im Haushalt macht.

Verfügbarkeitsfehler gehen sogar so weit, dass Probanden, die sechs Situationen aufzählen sollten, in denen sie sich durchsetzungsfähig verhalten haben, sich im Anschluss als durchsetzungsfähigere Personen beschrieben als solche, die zwölf Situationen nennen sollten. Das erscheint paradox, liegt aber daran, dass die Probanden für zwölf Beispielsituationen schärfer nachdenken mussten als für sechs, und wenn man scharf nachdenken muss, um Beispiele zu finden, dann, so meint man, wird das Phänomen wohl insgesamt nicht so häufig sein – auch wenn man gerade durch die Nennung von doppelt so vielen Beispielen das Gegenteil bewiesen hat. Ebenso gilt: „Menschen glauben, dass sie ihr Fahrrad weniger oft benutzen, nachdem sie sich an viele statt an wenige Fälle des Fahrradgebrauchs erinnern“ und „Menschen sind weniger überzeugt von der Richtigkeit einer Wahl, wenn sie mehr Pro-Argumente dafür anführen sollen.“ (169)

Wenn also das unbewusste, intuitive Denksystem 1 Unsinn produziert, wenn es überfordert ist, dann müsste es ja eigentlich helfen, gegen den Widerstand der eigenen Bequemlichkeit öfter mal richtig nachzudenken. Die Hoffnung darauf, beim aktiven Arbeiten mit System 2 zu rationalen Ergebnissen zu kommen, ist aber leider auch vergebens. Es werden eine ganze Reihe Faktoren genannt, die unser Denken beeinflussen, ob wir es wollen oder nicht, und die oftmals dazu führen, dass auch dann Unsinn herauskommt, wenn wir uns alle Mühe geben. Kahneman betont ausdrücklich, dass er nicht behaupte, dass Menschen irrational seien. („Vernunftbegabte Menschen können […] nicht rational sein, aber sie sollten deshalb nicht als irrational gebrandmarkt werden.“ 509) Ich kann mir nicht helfen, aber wenn ich lese, dass die Ankereffekte von zufälligen Zahlen Richter dazu bringen, jemandem eine längere Freiheitsstrafe aufzubrummen, dann fällt mir dazu eigentlich kein anderes Wort ein als „irrational“. Das Experiment lief so: Richter sollten vor der Urteilsverkündung würfeln, dann die Frage beantworten, ob sie eine Ladendiebin zu mehr oder weniger Monaten verurteilen würden, als die Würfel zeigen, und dann die Monate nennen. „Diejenigen, die eine Neun gewürfelt hatten, sagten im Schnitt, dass sie die Diebin zu acht Monaten verurteilen würden; diejenigen, die eine Drei gewürfelt hatten, sagten, dass sie sie zu fünf Monaten verurteilen würden; der Ankereffekt betrug 50 Prozent.“ (160).

Das hat mich ziemlich erschreckt, während ich kaum darüber überrascht war, welchen Einfluss Formulierungen auf die Entscheidungsfindung haben. „Sterben“ klingt ungut, daher entschieden sich 84 Prozent der Ärzte in einem Experiment für eine Operation, die eine Überlebensrate von 90 Prozent versprach, während nur 50 Prozent dafür waren, wenn von einer Sterblichkeitsrate von 10 Prozent die Rede war. (452) Fast so negativ wie Sterben ist Verlieren konnotiert, weswegen Leute, die nach dem Zufallsprinzip Sachen geschenkt bekommen, nach kurzer Zeit zu 90 Prozent ihr eigenes Geschenk am tollsten finden und nicht mehr tauschen wollen (365). Diese menschliche Grundeigenschaft hat tiefgreifende Auswirkungen darauf, wie wir leben und unsere Gesellschaften organisieren. „Die Verlustaversion ist eine starke konservative Kraft, die minimale Veränderungen des Status quo bei Institutionen und im Leben von Individuen begünstigt“ (375), schreibt Kahneman, und: „Dieser Konservatismus erklärte unsere Tendenz, in unserem Wohnviertel, unserer Partnerschaft und an unserem Arbeitsplatz zu verharren“ (ebd.). Auch hier würde ich wieder den Begriff „irrational“ wählen, da wir uns auch bei aktivem Abwägen offenbar nicht für die für uns beste Lösung entscheiden, sondern der jeweils aktuellen Situation ungerechtfertigte Sonderpunkte zuweisen.

Die mehreren Hundert Seiten, die sich mit den Systemen 1 und 2 und ihren zahlreichen Schwächen befassen, haben bei mir also im Wesentlichen die Erkenntnis hinterlassen, dass man sich nie darauf verlassen kann, eine rationale Entscheidung zu treffen. Mehr zu denken gegeben hat mir eine weitere Dichotomie, die erst weiter hinten und viel kürzer auftaucht, nämlich die Unterscheidung des Ichs in das erlebende und das erinnernde Selbst. Wenn jemand nur ein Kapitel von Schnelles Denken, langsames Denken lesen möchte, dann würde ich das fünfte empfehlen, in dem es um diese zwei Selbste geht und an dessen Ende die Erkenntnis steht, dass das Selbst, mit dem wir uns eigentlich identifizieren, das erinnernde ist, während wir dem erlebenden wie einem Fremden gegenüberstehen. Für einen Traumurlaub, an dessen Ende alle Erinnerungen an ihn aus dem Gedächtnis gelöscht (und alle Fotos vernichtet) werden, würde fast niemand viel Geld bezahlen, auch wenn das erlebende Selbst ihn währenddessen sehr genießen würde. Ebenso waren Versuchspersonen bereit, sich einer hypothetischen, äußerst schmerzhaften Operation zu unterziehen, wenn ihnen für hinterher ein amnestisches Medikament versprochen wird. Und ist nicht auch ein typisches Argument fürs Kinderkriegen, dass man die Geburtsschmerzen angeblich ohnehin wieder vergisst? Laut Kahneman ist es so, „dass die meisten Menschen den Schmerzerfahrungen ihres erlebenden Selbst bemerkenswert gleichgültig gegenüberstehen. Einige sagen, es wäre ihnen völlig egal. Andere […]: Ich empfinde zwar Mitleid mit meinem leidenden Selbst, aber nicht mehr Mitleid, als ich für einen Fremden empfinden würde, der Schmerzen leidet.“ (481)

Diese Einschätzung wirft natürlich alle möglichen Fragen auf, zum Beispiel zum Umgang mit Demenzkranken. Das wird hier aber kaum thematisiert sondern es geht – in Übereinstimmung mit dem restlichen Buch – vor allem darum, zu welchen unlogischen Schlüssen man sich durch die Dominanz des erinnernden Selbst verleiten lässt. Das neigt trotz seines Namens nämlich dazu, das meiste zu vergessen und nur extreme Episoden sowie das Ende in die Bewertung einer Sache einfließen zu lassen. Wenn es beim Zahnarzt nur zehn Minuten dauert, aber ein paar Sekunden lang sehr weh tut und am Ende auch noch mal ein bisschen, dann bewertet man die Behandlung negativer als eine, bei der man eine Stunde lang mittelstarke Schmerzen hat. Vor die Wahl gestellt, entscheidet man sich beim nächsten Mal eher für die lange Variante und verurteilt das erlebende Selbst zu einer objektiv gesehen größeren Schmerzmenge. Die Dauer eines Erlebnisses wird also vom erinnernden Selbst fast vollständig vernachlässigt. (473)

Insgesamt handelt es sich bei Schnelles Denken, langsames Denken um eine ziemliche ernüchternde Betrachtung dessen, was wir beim Denken alles falsch machen. Noch schlimmer wird es dadurch, dass man sich dieser Defizite nicht bewusst ist, sondern die eigene Urteilskraft grundsätzlich massiv überschätzt. In vielen Fällen ist man sich seines Urteils sogar umso sicherer, je weniger man eigentlich weiß. „Wir können einfach nicht anders, als mit den beschränkten Informationen, die wir besitzen, so zu verfahren, als wären sie alles, was man über das Thema wissen kann. […] Paradoxerweise ist es leichter, eine kohärente Geschichte zu entwerfen, wenn man wenig weiß. […] Unsere beruhigende Überzeugung, dass die Welt einen Sinn hat, ruht auf einem sicheren Fundament: unserer beinahe unbegrenzten Fähigkeit, die eigene Unwissenheit zu ignorieren.“ (249)

Aus diesem Grund sollte man sich nicht auf seine Intuition (die ja das Ergebnis von System-1-Prozessen ist) verlassen, sondern im Zweifel Statistiken konsultieren, die jedem intuitiven Urteil überlegen sind. Selbst die größten Experten produzieren offenbar Vorhersagen, die ein einfacher Algorithmus „mindestens ebenso genau“ (276) hinbekäme, ganz gleich, ob es um die Preisentwicklung edler Weine, die Ergebnisse von Fußballspielen oder die Überlebenszeit von Krebspatienten geht. Wer jetzt meint, dass man dann doch einfach möglichst oft Algorithmen statt Experten konsultieren sollte, hat wieder nicht mit der Irrationalität der Menschen gerechnet: „Für die meisten Menschen ist die Ursache eines Fehlers von Bedeutung: Die Geschichte eines Kindes, das gestorben ist, weil ein Algorithmus einen Fehler gemacht hat, ist ergreifender als die Geschichte derselben Tragödie, die auf einen menschlichen Fehler zurückzuführen ist, und die unterschiedliche Intensität wird bereitwillig in eine moralische Präferenz übersetzt.“ (283) Aus diesem Grund rechne ich auch nicht damit, dass die Akzeptanz selbstfahrender Autos in absehbarer Zeit steigen wird.

Dies alles zeigt auch, dass es überhaupt keine Rolle spielt, ob man in Bezug auf die Schwächen der eigenen Urteilskraft schon vorgewarnt ist oder nicht. Sogar dem Autor passiert das offenbar: „Wir wussten, dass unsere Vorhersagen grundsätzlich kaum besser als ein blindes Raten waren, aber wir fühlten und verhielten uns weiter so, als wäre jede unserer konkreten Vorhersagen gültig.“ (262) Man darf also wohl nicht erwarten, dass einen die Lektüre dieses Buches nun davor bewahren würde, all den kognitiven Verzerrungen und Illusionen auf den Leim zu gehen. Wahrscheinlich wird man nur dafür sensibilisiert, sie bei anderen Leuten wahrzunehmen.

Den Autor jedenfalls scheint es sehr zu frustrieren, in wie geringem Maße seine Forschungsergebnisse beispielsweise in der Wirtschaft berücksichtigt werden. In einer Vermögensberatung untersuchte er die Leistung der Anlageberater daraufhin, ob manche besser darin seien, Wertpapierdepots für ihre Kunden zusammenzustellen als andere. Es stellte sich heraus, dass es keinerlei Korrelation gab, die auf Kompetenzunterschiede zwischen den Mitarbeitern hindeutete: Alle waren gleich gut im Auswählen von Aktien, nämlich exakt so gut, als wenn sie gewürfelt hätten. Diese Ergebnisse wurden von dem beauftragenden Unternehmen ignoriert; es fuhr fort, Prämien an die in einer Saison erfolgreichsten Berater zu zahlen, auch nachdem bekannt war, dass damit „die Firma […] bloßes Glück so belohnte, als wäre es Können.“ (267) Ähnliches gilt für die Neigung von Unternehmen, Vorstände auszutauschen, wenn es wirtschaftlich nicht gut läuft, auch wenn es sich um eine normale, erwartbare Regression zum Mittelwert handelt. Folgt dann der statistisch ebenso erwartbare Aufschwung, wird der neue Manager gefeiert und „für „persönliche“ Leistungen, hinter denen sich hauptsächlich Regressions- und Halo-Effekte verbergen, werden Erfolgsprämien in Höhe von vielen Millionen Dollar zuerkannt.“ (588)

Das ist alles sehr misslich, und man fragt sich, wieso eine Menschheit, deren Mitglieder offenbar kaum geradeaus denken können, überhaupt je irgendetwas zustande gebracht hat. Was ich mich darüber hinaus noch frage, ist, ob meine Reaktion dieselbe wäre, wenn ich all die Experimente und Studien, die hier erwähnt, zitiert und nacherzählt werden, komplett kennen würde und die entsprechenden Artikel selbst gelesen hätte. Ich gehe nicht einmal davon aus, dass absichtlich alles möglichst reißerisch dargestellt wurde, aber wenn man einen wissenschaftlichen Versuch in einem Absatz darstellen will, dann verzichtet man wohl notgedrungen darauf, die genauen Rahmenbedingungen zu nennen und mögliche Einschränkungen der Validität zu erwähnen. Wenn dazu noch fehlende psychologische Vorbildung seitens der Leser kommt, dann ist das, was am Ende hängen bleibt, aller Wahrscheinlichkeit nach etwas plakativer als gerechtfertigt wäre – also ungefähr so wie die Smalltalk-Sätze, derer man sich nach Wunsch des Autors nach der Lektüre bedienen soll. Bei einem Buch, das einen auf die unzulässigen Vereinfachungen aufmerksam machen will, derer man sich beim Denken bedient, erscheint das geradezu ironisch. Ich habe Schnelles Denken, langsames Denken durchaus mit Gewinn gelesen und einiges dazugelernt, aber gleichzeitig finde ich das Genre „Buch, das einen Forschungsbereich für Laien aufbereitet“ jetzt deutlich problematischer.

Siri Hustvedt: What I loved

Siri Hustvedt: What I loved
Picador 2003

Je älter ich werde, desto weniger lese ich. Da ich über jeden Unsinn eine Liste führe, kann ich feststellen, dass ich zum Beispiel zwischen meinem 20. und meinem 21. Geburtstag 78 Bücher (erstmals) gelesen habe, zwischen dem 30. und dem 31. dagegen nur noch 13. Das wird etwas damit zu tun haben, dass die Freizeit weniger geworden ist, aber möglicherweise genauso viel damit, dass ich heute im Gegensatz zu damals unbegrenzten Internetzugang habe. Was diese Entwicklung jedenfalls mit sich bringt, ist, dass ich an einem Buch, das ich früher in drei Tagen durchgelesen hätte, inzwischen wochenlang sitze. Umso mehr Spaß hat es mir jetzt gemacht, erstmals seit Langem wieder einen Roman in kürzester Zeit zu inhalieren. Zwei längere Zugfahrten haben für What I loved gereicht und auch dafür festzustellen, dass es doch eigentlich ein schöneres Gefühl ist, für ein paar Stunden völlig in einem Buch zu versinken, als immer nur morgens zwei Seiten beim Zähneputzen zu lesen.

Die Bezeichnung als „page-turner“, wie sie in den zitierten Pressestimmen verwendet wird, ist also nicht falsch. Dabei handelt es sich insbesondere im ersten Teil überhaupt nicht um einen besonders schnell erzählten Roman, der von Höhepunkt zu Höhepunkt hetzen würde, sondern eher um eine gemütlich voranschreitende Milieustudie, die aber trotzdem etwas Fesselndes an sich hat. Das geschilderte Milieu ist jedenfalls ein eher spezielles, zu dem die wenigsten Leser einen direkten Bezug haben dürften, nämlich die New Yorker Künstler- und Intellektuellenszene der 1980er-Jahre. Der Ich-Erzähler Leo ist Kunstgeschichtsprofessor, seine Frau Erica Anglistikdozentin, sein bester Freund Bill bildender Künstler, dessen erste Frau Lucille Dichterin und die zweite, Violet, Autorin kulturwissenschaftlicher Abhandlungen. Wenn diese Familien zusammen Urlaub machen, dann sieht das so aus: „I heard the soft sound of Erica’s electric typewriter as she wrote the book that was eventually published under the title Henry James and the Ambiguities of Dialogue. From Violet’s room I listened to the hushed drone of girls speaking on tape. […] From Bill’s workplace I heard hammering, the occasional bangs and crashes […] as I bent over a reproduction of a Duccio madonna. […] The triptychs and panels […] sometimes overlapped with Bill’s magical narratives or with Violet’s starving girls. […] And because Erica read to me from her book every afternoon, I found that the attenuated sentences of Henry James […] sometimes infected my prose.” (112) Die einzigen nicht schöpferisch tätigen Mitglieder der Gruppe sind die gleichaltrigen Söhne von Bill und Leo, die derweil Löcher buddeln und Käfer fangen.

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Stendhal: Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz
dtv 2015
Originalausgabe: 1830 als Le Rouge et le Noir

So lange wie für Rot und Schwarz habe ich schon lange für keinen Roman mehr gebraucht. Begonnen habe ich im Spätsommer am Strand und habe den immer mitgenommener aussehenden Wälzer dann den ganzen Herbst und bis ins neue Jahr mit mir herumgeschleppt. Es ist also ein Buch, für das man sich Zeit nehmen muss (wenn auch vielleicht nicht ganz so viel wie ich), zumal, wenn man auch den massiven Fußnotenapparat dieser Ausgabe goutieren will, ohne den jeder, der nicht über enzyklopädisches Wissen zur französischen Restauration verfügt, ohnehin nur die Hälfte verstehen dürfte.

Dass ich den Anfang gelesen habe, ist nun also schon ein wenig her, aber ich meine mich zu erinnern, dass es eher zäh losgeht und dann im Mittelteil anfängt, interessanter zu werden. Andernfalls hätte ich vermutlich irgendwann aufgegeben, aber nach ein paar Kapiteln war ich doch zu neugierig darauf, wie es mit Julien und seinen Liebschaften nun weitergeht. Auf der Ebene der Handlung ist Rot und Schwarz vor allem zu Beginn ein typischer Aufsteigerroman: Der Protagonist, Sohn eines Tischlers, bemüht sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts um soziales Emporkommen und bringt es immerhin zum Chevalier, Oberleutnant und Verlobten der Tochter eines Marquis. Dies gelingt ihm im Wesentlichen durch den geschickten Einsatz seiner zwei einzigen Ressourcen, nämlich seines attraktiven Äußeren und der Tatsache, dass er die Bibel auswendig kann. Mit Letzterem gibt er hemmungslos an, wann immer es sich anbietet. Als 18-Jähriger erhält eine Stelle als Hauslehrer bei Bürgermeister de Rênal, lässt sich am ersten Arbeitstag von seinen Zöglingen abfragen und beindruckt die ganze Gesellschaft, indem er auf ein Stichwort hin die ganze lateinische Seite zitiert. „Diese Szene trug Julien den Titel Monsieur ein; selbst die Dienstboten wagten nicht, ihm eine solche Anrede zu verweigern.“ (49)

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Ted Chiang: Story of Your Life

Ted Chiang: Story of Your Life
In: Stories of Your Life and Others
Pan Macmillan 2015
Originalausgabe: 1998

Ich weiß nicht, was ich seltener lese: Kurzgeschichten oder Science-Fiction. Dass ich schon einmal eine Science-Fiction-Kurzgeschichte gelesen hätte, kann ich guten Gewissens gar nicht behaupten. Vielleicht mal etwas von Isaac Asimov, aber das muss schon lange her sein. Der Anlass dafür, warum ich mich jetzt doch einmal an diese Kombination gewagt habe, war mal wieder ein Kinofilm – Arrival –, der lose auf Story of your life basiert. Passend zum Genre habe ich (ebenfalls eine Premiere) nicht auf Papier gelesen, sondern den Text mit durch das Beantworten belangloser Fragen erworbenem Google-Play-Guthaben gekauft und dann auf meinem Smartphone gelesen. 1998, im Entstehungsjahr der Erzählung, wäre mir dieses Vorgehen selbst noch wie Science-Fiction vorgekommen.

Den Film habe ich mir nicht deshalb angesehen, weil darin Aliens vorkommen, sondern weil es in ihm um Linguistik geht, genauer gesagt um eine Interpretation der Sapir-Whorf-Hypothese.* Die besagt bekanntlich, dass die Sprache das Denken beeinflusst; eine Annahme, die hier ins Extrem getrieben wird. Die Sprachwissenschaftlerin Louise lernt die Sprache der Aliens (die übrigens an siebenarmige Tintenfische erinnern, was mir gefallen hat, weil ja schon unsere irdischen Tintenfische erschreckend intelligent sind), wodurch sich ihre Denkweise verändert und sie zu einer völlig neuen Wahrnehmung der Welt gelangt. Aus irgendeinem Grund sprechen alle Aliens dieselbe Sprache (im Film handelt es sich immerhin um zwölf über den Globus verteilte, bemannte bzw. bealiente Raumschiffe und im Buch sogar um 112, die im Orbit kreisen), während jedes irdische Land, das unmittelbar mit ihnen konfrontiert ist, versucht, ihnen die eigene Sprache beizubringen.

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Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche

Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche. Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen
Philipp Reclam jun. 1992
Originalausgabe: 1842

Im Moment komme ich nicht sehr viel zum Lesen, und weil ich es sehr frustrierend finde, dass ich schon seit Monaten an einem ziemlich umfangreichen Roman laboriere, habe ich mir als Zwischenlektüre das kürzeste Buch ausgesucht, das in unserem Bücherregal zu finden war. Die Judenbuche als Reclam-Heftchen hat ganze 71 Seiten inklusive Nachwort und wurde laut Aufdruck irgendwann einmal für genau 3,00 DM angeschafft, was ich irgendwie rührend finde. Als typisches Beispiel für eine Biedermeiernovelle wird Die Judenbuche ja auch gerne als Schullektüre herangezogen. Ich musste sie aber offenbar nie lesen, weshalb ich auch nur eine eher vage Vorstellung vom Inhalt hatte (genau genommen dachte ich aus irgendeinem Grund, es ginge um einen Baum, in den ein jüdisches Liebespaar seine Initialen ritzt).

Diese Annahme stellte sich als grundfalsch heraus; es geht nämlich überhaupt nicht um Liebe, sondern um Recht und Verbrechen, Moral, Identität und die dörfliche Gemeinschaft im „gebirgichten Westfalen“. Über das Dorf B., in dem die Geschichte spielt, erfahren wir gleich im ersten Absatz zwei Dinge: dass es sehr malerisch in einer Waldschlucht liegt und dass das Rechtswesen dort nicht sehr ausgeprägt ist. „Unter höchst einfachen und häufig unzulänglichen Gesetzen waren die Begriffe der Einwohner von Recht und Unrecht einigermaßen in Verwirrung geraten, oder vielmehr, es hatte sich neben dem gesetzlichen ein zweites Recht gebildet, ein Recht der öffentlichen Meinung, der Gewohnheit und der durch Vernachlässigung entstandenen Verjährung.“ (3 f.) Recht gesprochen wird meist durch die Gutsherren. Die Lückenhaftigkeit des Rechtsstaats wird jedoch nicht als etwas Negatives dargestellt. Vielmehr teilt uns der Erzähler mit, dass „wer nach seiner Überzeugung handelt, und sei sie noch so mangelhaft, […] nie ganz zugrunde gehen [könne], wogegen nichts seelentötender wirkt, als gegen das innere Rechtsgefühl das äußere Recht in Anspruch nehmen“ (4).

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Stephanie Coontz: Marriage, a History

Stephanie Coontz: Marriage, a History. How love conquered marriage
Penguin Books 2006

Eigentlich wollte ich ein Buch über die unterschiedlichen Hochzeitsbräuche in Europa und Nordamerika lesen, habe aber die Suche irgendwann wieder aufgegeben, weil ich nur Ratgeber und Bastelbücher gefunden habe. Dabei lassen sich über das Thema sicher schöne kulturwissenschaftliche Abhandlungen schreiben. Vermutlich gibt es die auch irgendwo, aber wohl eher in Zeitschriften oder andernorts, wo ich nicht geguckt habe. Bei der Suche bin ich dafür aber auf Marriage, a History gestoßen, ein populärwissenschaftliches Werk über die Institution der Ehe, das offenbar vor einigen Jahren in den USA für Aufsehen gesorgt hat, weil es argumentiert, dass das traditionelle Modell der Ehe nicht in Gefahr sei, weil es ein solches gar nicht gebe.

Auch in dieser Hinsicht unterscheiden sich Europa und Amerika wohl in nicht unerheblichem Maße. Nach meiner Einschätzung sind es hier eher Randgruppen, die sich zurück in die Zeiten der Hausfrauenehe wünschen, während es in den USA offenbar eine größere Debatte darüber gegeben hat, ob die Ehe und ihre klassischen Werte von der modernen Gesellschaft unwiederbringlich zerstört werden. Interessant ist das Buch aber auch für Deutsche, zumal ja jeder irgendein Bild von „Ehe“ im Kopf hat, dem es nicht schadet, ein wenig zurechtgerückt zu werden. Bei den meisten wäre das wohl so etwas wie „Mann und Frau leben möglichst monogam zusammen.“ Bereits auf den ersten Seiten von Marriage, a History wird jedoch deutlich, dass es für jedes scheinbar universelle Merkmal von Ehe so viele Ausnahmen gibt oder in der Geschichte der Menschheit gab, dass man nicht mehr von einem universellen Merkmal sprechen kann.

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Pierre Loti: Islandfischer

Pierre Loti: Islandfischer
Edition mabila 2013
Originalausgabe: 1886 als Pêcheur d’Islande*

Wenn ich irgendwo hin reise, nehme ich das ganz gerne als Anlass, ein Buch zu lesen, das auf irgendeine Weise zum jeweiligen Ort passt. Das klappt längst nicht immer (zumal ich grundsätzlich keine Regionalkrimis lese), aber wenn doch, dann ist das eine gute Möglichkeit, seinen literarischen Horizont zu erweitern. Dass die Umgebung in solchen Fällen auch einen Einfluss auf den Lesespaß hat, habe ich nun bei Islandfischer gemerkt: Im Sommer 2015 hatte ich das schmale Bändchen mit in die Bretagne genommen, dort die ersten paar Kapitel gelesen und es nach der Rückkehr wieder ins Regal gestellt, worauf mehr als ein Jahr verstrich, bis ich mich – wieder in Frankreich – dazu motivieren konnte, den Rest auch noch zu lesen.

Mein mangelnder Enthusiasmus hing zum Teil sicherlich damit zusammen, dass es irgendwie vergnüglicher ist, über Fischer auf rauer See zu lesen, wenn man auch in der Realität den Atlantik rauschen hört und nicht zu Hause am Niederrhein auf dem Sofa sitzt. Zum Teil war das Problem allerdings auch, dass ich eine sehr schlechte Ausgabe erwischt habe. Welche Übersetzung von „edition mabila“ verwendet wird, konnte ich nicht herausfinden (auch das schon nicht gerade ein Qualitätsmerkmal), aber sie muss sehr alt sein und ist erbärmlich. Mein Schulfranzösisch reicht leider nicht für Romane, aber ich hatte das Glück, einen Frankophonen mit der Originalausgabe zur Seite zu haben, sodass ich ausgewählte Passagen vergleichen konnte. Das hat genügt, um festzustellen, dass man anhand dieser Übersetzung eigentlich kein Urteil fällen kann, das sich auf mehr als die grobe Handlung des Romans bezieht. Sie ist nämlich nicht nur schlecht im herkömmlichen Sinn, indem also Geist und Stil des Originals in der Zielsprache nicht gut wiedergegeben werden, sondern sie ist auch schlecht insofern, als ganze Passagen, mit denen der Übersetzer oder die Übersetzerin wohl nichts anfangen konnte, übersprungen oder bis zur Unkenntlichkeit umgeschrieben wurden.

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J. K. Rowling, Jack Thorne, John Tiffany: Harry Potter and the Cursed Child

Rowling, J. K./Thorne, Jack/Tiffany, John: Harry Potter and the Cursed Child
Little, Brown Book Group 2016

Es gab eine Zeit, in der mir meine Begeisterung für Harry Potter ein bisschen peinlich war. Schließlich lese ich ja sonst „richtige“ Literatur und kann im Allgemeinen auch nicht viel mit dem Fantasy-Genre und der sogenannten Young-Adult-Richtung anfangen. Die wenigen Romane aus diesem Bereich, die ich als Teenager ganz gut fand, kommen mir aus Erwachsenenperspektive meist mittelmäßig bis furchtbar vor, und wenn sie mir zufällig noch mal in die Hände fielen, war ich regelmäßig ziemlich enttäuscht. Harry Potter dagegen lese ich seit ungefähr 15 Jahren mehr oder weniger ununterbrochen. Peinlich oder nicht – wenn mich eine Buchreihe auch nach der zehnten oder zwanzigsten Lektüre noch so sehr fesselt, dann gibt es wohl gute Gründe dafür. Wenn nun also ein Harry-Potter-Theaterstück angekündigt wird, dann fliege ich zwar nicht gerade verkleidet nach London zur Premiere, aber ich fahre in die Niederlande, wo sonntags die Buchläden geöffnet sind, um mir das Skript am Erscheinungstag zu kaufen. Dabei handelt es sich ja nicht einmal um einen richtigen Harry-Potter-Roman (oder überhaupt um einen Roman) und außerdem nur um die vorläufige „Special Rehearsal Edition“, sodass ich mir wohl irgendwann auch noch die „Definitive Collector’s Edition“ werde anschaffen müssen. Aber darauf kann man ja nun wirklich nicht warten.

Ein Drama also: eine Gattung, von der ich mich sonst fernhalte, da ich der Meinung bin, dass Theater eigentlich auf die Bühne gehört und man sich ja auch keine Partitur durchliest, anstatt ins Konzert zu gehen. Allerdings sind es auch nicht primär Feinheiten der Prosa, die ich an den Harry-Potter-Büchern schätze, sondern eher die Charaktere und der Plot. Letztere stehen ja in einem Theaterstück noch mehr im Vordergrund. Das ist schön, aber dadurch vermisst man natürlich auch anderes – und seien es bloß die Beschreibungen von Hogwarts, das hier nur insofern eine Rolle spielt, als die Hauptfiguren dort nicht gerne hingehen. Das sorgt insgesamt für eine ganz andere Atmosphäre, war die Schule doch für Harry die einzig wahre Heimat und der Dreh- und Angelpunkt für die ersten sechs Potter-Bände und einen großen Teil des siebten. Albus, Harrys Sohn, um den es hier geht, ist in Hogwarts ein Außenseiter und versteht sich auch sonst nicht gut mit seinem Vater, und das ist eigentlich schon der zentrale Konflikt.

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Inge und Walter Jens: Frau Thomas Mann

Inge und Walter Jens: Frau Thomas Mann. Das Leben der Katharina Pringsheim
Rowohlt 2003

Wenn man eine gewisse Menge an Thomas-Mann-Literatur liest, dann erfährt man mehr oder weniger automatisch auch ziemlich viel über Katia Mann. Wozu also sollte man eine Extra-Biografie nur über sie lesen? Dafür gibt es vermutlich zwei unterschiedliche Motivationen: Entweder, man hofft, noch mehr über ihn erfahren zu können, indem man sein Leben aus ihrer Perspektive erneut nacherzählt bekommt, oder aber man interessiert sich gerade für die Teile ihres Lebens, in denen sie eben nicht mit Thomas Mann verheiratet war. Zur letzteren Gruppe gehöre ich, seit ich ausgerechnet habe, dass Katia tatsächlich 47 Jahre ohne Thomas Mann verbracht hat (gegenüber 50 Jahren mit ihm). Diese Lebensphasen, also Jugend und Alter, werden in den üblichen Mann-Biografien logischerweise entweder gar nicht oder äußerst kurz abgehandelt.

Dass dieses Buch nun ausgerechnet „Frau Thomas Mann“ heißt und damit nicht gerade ihre unabhängige Identität in den Vordergrund rückt, sollte einen nicht in die Irre führen: Der Titel ist der Tatsache geschuldet, dass Katia Mann sich nahezu ihr ganzes Erwachsenenleben konsequent so nannte: So stand es auf ihrem Briefpapier, und so unterschrieb sie beispielsweise auch für die Gründung der „Deutschen Sektion des Weltfriedensbundes der Mütter und Erzieherinnen“ (neben lauter einflussreichen Frauen, die ihre eigenen Namen und Titel auf die Liste setzten). Das Spannungsverhältnis zwischen Understatement in Bezug auf die eigene Person („Der Charakter meiner Existenz ist rein privat, ich habe auf keinem Gebiet etwas Hervorragendes geleistet“, 153) und dem keineswegs bescheidenen Streben nach Ruhm und Anerkennung für ihren Mann ist dann auch eins der zentralen Themen der Biografie.

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Artur Becker: Wodka und Messer

Artur Becker: Wodka und Messer: Lied vom Ertrinken
Weissbooks 2008

Anlässlich einer Reise nach Polen ist mir aufgefallen, dass ich noch nie ein Buch eines polnischen Autors gelesen habe. Das habe ich mit Wodka und Messer nun nachgeholt. Der Roman spielt in Ermland-Masuren, während ich in Niederschlesien war – da könnte man vermutlich auch Der Schimmelreiter mit ins Allgäu nehmen, aber sei’s drum. Wodka und Messer hat dafür den enormen Vorteil für nicht des Polnischen mächtige Lesende, im Original auf Deutsch geschrieben zu sein; der Autor lebt nämlich bereits seit über dreißig Jahren in Deutschland.

Auch der Protagonist des Romans, Kuba Dernicki, ist nach Deutschland ausgewandert. Nach vielen Jahren reist er zurück in die alte Heimat, um seine Familie zu besuchen – oder besser das, was von ihr übrig ist. Das ist im Wesentlichen eine alte Tante mit nur einem Auge. Ihr Bruder, Kubas Vater, hat es ihr auf ihrer Hochzeit im Suff ausgestochen und außerdem den Bräutigam sowie seine eigene Frau aus Eifersucht umgebracht. Mit dieser Vorgeschichte ist auch schon der Ton für die Handlung gesetzt: Im Zentrum stehen Gewalt, Liebe, Tod, Alkohol und die Vergangenheit, die Kuba zunehmend einzuholen droht. Die Einheimischen, denen er am Dadajsee im ländlichen Nordosten Polens begegnet, sind nahezu alle merkwürdige Originale mit mysteriösen Hintergründen, sodass der biedere Kuba, der mit Frau und zwei Kindern in einer niedersächsischen Kleinstadt wohnt und in einem Rechenzentrum arbeitet, einem als wohltuend normale Identifikationsfigur dient.

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